Wiese hat die seltene Gabe, sich ein magisches Bild von der Welt zu machen, die ihn umgibt. Sie erinnert von weitem, jedoch mit ganz eigensinniger Färbung versehen, an de Chirico. So realistisch Wiese Details auch ausmalt, sie sind doch nur Dekor einer reinen Imagination. Zusammengesetzt aus dem, was er irgendwann, irgendwo, zuletzt in Schottland, gesehen hat. Schickt er einen Lastwagen mit Satellitenantenne fahrerlos auf die Reise, ist auch die Landstrasse menschenleer. Die Dinge haben sich verselbständigt, und der Himmel ist so grell monochrom gerötet, dass plötzlich eine Atmosphäre der Unwirklichkeit hereinbricht. Qualmte nicht unentwegt Rauch aus Schornsteinen, es käme einem erst gar nicht in den Sinn, an den Bewohner dieser Orte zu denken. Er spukt, wenn überhaupt, nur als Spurenleger in dieser Malerei. Es ist, als wäre mit der Menschheit auch deren Geschichte spurlos verschwunden.
Die verlassenen Häuser stehen für sich, alles kommt einem wie auf einer von Unendlichkeit umgebenen Insel gebaut vor. Ob Wiese uns ein Backsteinhaus mit Zapfsäule an einer einsamen Landstrasse oder ein überschneites Auto vor Augen führt, stets weht da ein phantastischer Wind der Zeitlosigkeit. Zudem gelingen ihm Irritationen durch Winzigkeiten. Wenn er ein im Herbstlaub eingesunkenes Auto unter einer baumelnden Lampe parkt, wird die Außenwelt zur Innenwelt. Die Frage, wie Geheimnisse so auratisch darstellbar sind, ist schwer zu beantworten. Sicherlich hilft die Lichtdramaturgie bei der Inszenierung, aber auch die Farbkontraste unterstreichen das Dickicht des Ungeheuren. Einerseits neigt Wiese zum Realismus in Darstellung und Farbgebung, andererseits erlaubt er sich fiktive Sprünge bei der Wahl von Tönen wie Blau oder Rot, die nichts Reales haben.
Dadurch kommt es zur Fremdwerdung des uns Bekannten. Reize, die hier wunderbar ausgespielt werden.

Heinz-Norbert Jocks

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Die Bilder von Andreas M. Wiese machen es uns nicht leicht. Auf den ersten Blick erscheinen sie banal; auf den zweiten Blick ätzend. Erst wer sich darüber hinaus einlässt, erkennt die eigentümliche Spannung der Bilder und ihre malerische Poesie. Die Bilder sind auf den ersten Blick leicht verständlich: Autos, Häuser, Bäume; nichts, was nicht für jedermann erkennbar wäre.
Wenig Neues also. Aber beim näheren Hinsehen fällt auf, das sowohl formal als auch inhaltlich Bezüge und Verhältnisse geschildert werden, die nicht zusammenpassen: Heruntergekommene Fabriken mit glutroten, mächtig rauchenden Schornsteinen oder verlassene Häuser in einer völlig unbestimmten Gegend, umgeben von unerklärlichen Schneespuren. Es weht kein Lüftchen mehr zwischen den Häusern, und in den Straßen steht die Zeit still. Die scheinbar leblosen Gegenstände und Gegenden bekommen eine eigentümlich künstliche Aura. Es entsteht eine geheimnisvolle, atmosphärische Schilderung, die eine unauflösbare Spannung verursacht. Sie besteht in dem Widerspruch zwischen der überdeutlichen, präzisen Oberfläche und einem vermeintlichen Kern, einem Geheimnis der Bilder, das wir zu ergründen versuchen, aber nicht finden können. Die Bilder verraten ihr Geheimnis nicht, weil sie selbst gar keines enthalten, sondern erst eines in uns hervorrufen. Die Leere der Bilder verursacht durch das Fehlen jeglicher Erzählungen und Handlungen – erzeugt eine Projektionsfläche für unsere eigenen Assoziationen und Erzählungen.
Was die Bilder so ätzend, nämlich einprägend macht, ist ihre Verweigerung von Antworten und damit die Enttäuschung unserer eigenen Erwartungen. Ihre scheinbar leicht lesbare Gegenständlichkeit führt uns in die Irre: der Reichtum des Bildes liegt nicht in einer möglichen Geschichte, sondern in der Erzählung des malerischen Prozesses selbst. Andreas M. Wiese schafft damit eine eigene, rein malerische Version der Welt. Sie ist gekennzeichnet durch Widersprüche und eine Realität, die nicht gefügig ist und uns versperrt bleibt. Die Welt der Bilder ist dafür erfüllt mit einem beredten Schweigen, das sich mit der Zeit und in der eigenen Phantasie entfaltet.

Erik Schönenberg

 

Die bevorzugten Gegenstände dieser Bilder sind Wohnhäuser. […] Ihre Bedeutung ist nicht nur für die Bewohner, sondern auch für einen Maler offensichtlich, der sie in einer fast demonstrativen Dingtreue darstellt.
Diese Heime, eben noch reizvoll vertraut, sind unheimlich. Die Gründe dafür kann man, wie Gründe überhaupt, nicht sehen.
Ihre unwirkliche Wirklichkeit, ihre erstarrte Wirksamkeit lässt es nicht zu, hier von einem Realismus als einer Wirklichkeitsmalerei zu sprechen. Es liegt nahe, an Samuel Becketts „Warten auf Godot“ oder an das berühmte Bild „Erwartung“ von Richard Oelze zu denken. Doch die Menschen Oelzes warten wie die Darsteller im „Godot“ aus gesichertem Abstand und fast wie gelangweilt auf das Unheil hinter einem Waldrücken oder in den Kulissen. Näher läge es, mit Andreas Wiese an die Windstille des Amerikaners Edward Hopper zu denken. Sie wären jedoch belanglos und fast lächerlich, wenn man sie im psychologischen oder gar soziologischen Gerede der jüngsten Vergangenheit verfügbar zu machen versuchte. Sie haben nichts, wie auch diese Bilder nicht, mit Depressionen einer frustrierten Seele oder einer Rezession in Handel und Wandel zu tun. Wer sich schließlich vor ihnen auf Albert de Chirico einlässt, […] verzichtet in Übereinstimmung mit diesem großen, erfahrenen und klugen Meister darauf, diese Bilder als surrealistische Zeugnisse auszulegen.
Was bleibt vor diesen Bildern von Andreas Wiese? Es bleibt ein unverstelltes Hinschauen, ein anschauendes Aufnehmen des Dargestellten. Es bleibt die Ahnung, dass selbst das Alltägliche, nur scheinbar vertraut, rätselhaft und doch bedrängend ist.

Heinrich Hahne